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Polizisten

Ich sitze im Botanischen Garten Lalbagh in Bangalore. Wie üblich halten ab und zu Spaziergänger an, um sich ein wenig mit mir zu unterhalten. So auch diese Gruppe von Männern. Einer davon ist recht gross, sieht etwas militärisch aus, graues Haar und strenge Gesichtszüge. Die Männer stellen die üblichen Fragen, ich finde heraus, dass sie zur Karnataka State Police gehören und gerade auf Lehrgang in der Hauptstadt sind. Alle sagen was, bis auf den grossen: der steht nur da und beobachtet mich. Plötzlich fragt er, ob ich ein deutscher Kollege sei. Wieso das denn? Wegen meinem Haarschnitt.

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Hindi lernen

Hindi ist die verbreitetste Sprache Indiens, neben Englisch natürlich. In ganz Indien wird Hindi verstanden, wenngleich seine Wurzeln im Norden liegen. Es ist verblüffend, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen Hindi und europäischen Sprachen gibt. Beide Sprachgruppen stammen von Sanskrit ab, einer sehr alten Sprache aus Zentralasien. "tschute" beispielsweise ist Hindi und heisst "Schuhe", "danyavad" heisst "danke" und "mera nam Martin" heisst "ich heisse Martin". Dennoch, die regionalen Sprachen jedes Bundesstaates haben im täglichen Leben eine grössere Bedeutung.

Am Anfang meines Aufenthaltes in Bangalore war ich noch sehr motiviert, Hindi zu lernen. Am einfachsten geht das bestimmt, wenn man jeden Tag eine kleine Lektion lernt. Ein Kollege bei Siemens (Harkesh) wollte im Gegenzug auch ein paar Brocken Deutsch lernen - Unterrichtssprache war natürlich Englisch. Eines Tages hatten wir die Lektion "Hello, how are you?" - "Fine, thanks. And you?". Harkesh sagte: "And you? - Un dida?" - Ich versuchte, die vorgegeben Worte genau zu imitieren: "Un dida?" - Er grinste nur und wiederholte: "Un dida?" - Ich habe mich wirklich angestrengt beim nächsten "Un dida?" - Harkesh war immer noch nicht zufrieden. So ging das noch einige Male hin und her, ich wurde schon fast ärgerlich. Ich hatte die Aussprache haargenauso hinbekommen wie er.

Schliesslich fragte ich ihn: "Nur damit es keine Missverständnisse gibt: ist 'un dida' Hindi oder Deutsch?". Auf der Stelle brachen wir in schallendes Gelächter aus! Unglaublich! Er dachte, ich wollte ihm das Deutsche "und dir?" beibringen - und hat sich abgemüht, es so auszusprechen wie ich es vorgab!

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Hühner

Eines schönen Morgens wartete ich auf einen Siemens-Bus und sah einen Vespa-Roller die Strasse hochfahren. Auf ihm sass ein dicker Mann und schien ein grosses weisses Kissen auf dem Gepäckträger festgeschnallt zu haben. Als er vorbeifuhr, musste ich mit Schrecken feststellen, dass das "Kissen" ein Bündel Hühner war, an den Füssen zusammengebunden und kopfüber über den Gepäckträger gehängt.

Bei anderer Gelegenheit konnte ich zwei ähnliche Bündel Federvieh bewundern. Sie hingen wie Einkaufstaschen am Lenker eines Mofas.

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Langholzlaster

Normalerweise herrscht in Bangalore immer viel Verkehr zur Hauptverkehrszeit. Es ist also nichts ungewöhnliches, dass die fünf-Uhr-dreissig Busse von Siemens irgendwo steckenbleiben. Nur, an jenem Tag waren wir fast eine Stunde im Stau. Wir dachten: Na, da wird wohl ein Unfall sein oder so etwas. Oder so etwas. Dieses Etwas war ein Holztransporter, mit riesigen Tropenholzstämmen beladen - und hatte ausgerechtet auf der Hauptkreuzung Getriebeschaden. Ist nicht ein Langholzlaster der Inbegriff des langen Fahrzeugs?

Um den Verkehr nicht gleich völlig zum Erliegen zu bringen, hatten eifrige Mechaniker bereits begonnen, das Getriebe und alles was den Laster sonst noch irgendwie vorwärts bringen könnte, an Ort und Stelle auseinanderzunehmen. Eins nach dem anderen.

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Zugfahrt

Zugtüre
Zugtüre
Zugfahren ist in Indien die schönste, erlebnisreichste und entspannendste Art der Fortbewegung. In Europa reduziert sich Zugfahren nur noch auf "Hightech-Transport von A nach B" - in Indien dagegen ist es ein unverzichtbarer Bestandteil der Reise.

Die Inneneinrichtungen sind noch richtig aus Stahl, die Liegen einfach aber ausreichend. Man hört jedes Gleisstück (tacktack - tacktack) und das Zugsignal, es schaukelt leicht. An Bahnhöfen kann man sich heissen Tee durchs Fenster reichen lassen ("Chai-Chai! Chai!"). Die Züge sind langsam genug, um immer das Fenster offen zu lassen. Man kann sich auch eine Waggontüre öffnen, die Nase in den Fahrtwind halten und das Land an sich vorbeiziehen lassen. Ich könnte stundenlang an der offenen Tür stehen und in die flirrende heisse Landschaft schauen.

Mahatma Gandhi soll gesagt haben: "Wer Indien kennenlernen möchte, muss Zugfahren.". Auch wenn es möglicherweise kein authentisches Zitat sein sollte, wahr ist es trotzdem - vorausgesetzt man reist zweiter Klasse ("Second Class Sleeper"). Das ist die beliebteste Klasse: bequem genug und erschwinglich. Das beste daran ist, dass man in der zweiten Klasse Reisende aus allen möglichen Gesellschaftsschichten treffen kann: Gebildete, Ungebildete, Geschäftsreisende, Familien, Alte, Junge.

Man kann auf minutenlang regungslos gaffende Schnauzbärte treffen, die offenbar noch nie eine europäische Frau zu Gesicht bekommen haben. Oder ein altes Ehepaar im Urlaub, die sich gerne mit uns unterhalten und deren Gesichtszüge Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlen. Oder eine Familie, die während einer 24-Stunden-Fahrt kaum den Mund aufmacht und deren junge Mutter ganz traurig dreinblickt. Oder Männer, die kurze braune Zigaretten rauchen und Kartenspielen. Oder ein freundlicher alter Mann mit weissem Stoppelbart, mit dem man sich nur über Gesten verständigen kann. Oder ein Ermittler der "Special Police", der es sichtlich geniesst, Sicherheit auszustrahlen.

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Teeverkäufer

Unser Zug hatte einen kurzen Aufenthalt in Manamadurai. Ein Teeverkäufer fragte durchs Fenster, ob wir Tee wollten. Als wir verneinten, fragte er weiter, ob wir zum ersten Mal in Indien seien. Wir darauf: "Ja." - sofort streckte er seine Hand durch die Metallstäbe am Fenster und wünschte uns "Herzlich willkommen in Indien, Sir!".

Auf der Rückfahrt kamen wir wieder durch Manamadurai und mussten umsteigen. Ein Junge, der Tee verkaufte, kam den Bahnsteig runtergelaufen. Ob wir Tee wollten - und herzlich willkommen in Indien! Das war ja garantiert der Sohn vom ersten Teeverkäufer.

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Busfahrt

Busfahrten können schnell anstrengend werden, wenn die Entfernungen zu gross sind - und wenn der Sitzplatz zu weit hinten im Bus ist. Es gibt staatliche und private Busse, die privaten sind natürlich etwas teurer, bieten aber mehr Komfort. Die Schlaglöcher sind aber immer die selben.

Typischer Busbahnhof
Typischer Busbahnhof

Ich hatte eine 19-stündige Busfahrt von Pune nach Bangalore. Neunzehn Stunden holprige Strasse, neunzehn Stunden im zu schmalen Sitz mit frei schaukelndem Kopf, neunzehn Stunden riskantes Überholen.

Wenn möglich sollten lange Busreisen vermieden werden. Dennoch können kürzere recht viel Spass machen. Meistens laufen Kassetten mit Hindifilmmusik, 1a-LoFi-Qualität - während man durch leuchtende Reisfelder, dunkle Schatten, kleine Dörfer und staubige Provinzstädtchen fährt. Ich habe sogar einmal erlebt, dass Bauern ihre Feldarbeit unterbrochen haben, um unserem Bus aus einiger Entfernung zuzuwinken. Sagt mir doch bitte, wo man in Europa so freundliche Menschen findet. Busreisen des Nachts ist Qual, tagsüber jedoch ein Riesenspass.

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MTR Bakery

Ein Dosa ist eine Art Indischer Pfannkuchen, nur ist er dicker und weicher. Ein "Masala Dosa" ist gefüllt mit Kartoffeln, Zwiebeln, Kohl und natürlich Chili. Man bekommt diesen so typischen Imbiss an jeder Ecke.

Viele Leute haben mir unabhängig von einander die berühmten Dosas der MTR Bakery in Bangalore empfohlen. Dieses bekannte Restaurant befindet sich direkt nördlich des Haupteingangs zum Botanischen Garten. Ich war dort mit Samarth, meinem indischen Freund und Kollegen, und den beiden französischen Praktikanten Arnaud und Guillaume. Wir bestellten Dosa und Tee. Als uns der Tee kam, stellten wir fest, dass er nicht in den sonst üblichen Bechern aus Edelstahl serviert wurde - sondern in Silberbechern. Wie schön ist doch so eine Geste der Gastfreundschaft!

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Strassen-Restaurant

Es ist ein netter Brauch in unserem Team bei Siemens, für jeden Kollegen, der das Unternehmen velässt, ein Abschiedsessen zu veranstalten. Normalerweise finden solche Essen in eher teuren Restaurants statt. Für das Abendessen für Palani Velu und Shashirikan haben wir uns jedoch in einem einfachen Strassenrestaurant an der Old Madras Road getroffen. Eigentlich sind solche Restaurants hauptsächlich für Fernfahrer und Reisebusse, aber sie erfreuen sich auch generell grosser Beliebtheit.

Wir sassen im Freien auf einfachen Plastikstühlen. Es war ein lauer Abend mit einem leichten Lüftchen, die nächtliche Fernstrasse nach Chennai (Madras) mit all den LKW und Bussen ein Stückchen weg. Das Essen war hervorragend: Gobi mandchurian, tandoori chicken, dhal, vegetable fried rice, parotas und rotis, dazu Kingfisher Bier.