Delhi

Delhi - Zwei Städte

Delhi ist nicht gleich Delhi. Alt Delhi ist eine typische wuselige, geschäftige, chaotische indische Grossstadt. Zentrale Orte an denen sich alles Leben kreuzt sind vor allem der Chandi Chowk, ein quirliges Markt- und Geschäftsviertel. Ausserdem wären das Stadtviertel um die Jama Masjit (Freitagsmoschee) zu nennen und das Rote Fort.

Paradestrasse in Neu Delhi
Paradestrasse in Neu Delhi

Neu Delhi hingegen ist die offizielle Hauptstadt, beherbergt die Regierungsviertel und zahlreiche Botschaften. Penibel saubergehaltene, zu britischen Kolonialzeiten geplante Strassenzüge lassen den Besucher für einen Moment vergessen, wie hektisch das Leben doch ein paar Kilometer weiter nördlich in Alt Delhi ist. Auf der breiten Strasse finden alljährlich zum Unabhängigkeitstag (26. Januar) mit allem Pomp inszenierte Militärparaden statt. Da werden auch schon mal Atomraketen aufgefahren. So ist eben Indien, das Land der Gegensätze: friedliebende Religion und glühender Nationalismus.

Unterkunft

Einer meiner Kollegen von Siemens (Samarth) stammt aus Delhi, seine Eltern leben immer noch dort. Deshalb hat uns Samarth angeboten, bei seiner Familie zu wohnen, solange wir in Delhi sind. Das war natürlich sehr praktisch, zumal die Wohnung direkt im Zentrum und nur eine Viertelstunde zu Fuss vom Bahnhof Neu Delhi entfernt ist. Wir klingelten an der Tür und Ram, der Diener der Familie, öffnete. Er war sichtlich überrascht, westliche Touristen mit geschulterten Rucksäcken zu erblicken, die Bartstoppeln der Zugfahrt noch im Gesicht. Ram spricht kein Englisch - wir aber auch kein Hindi.

Trotzdem liess er sich überzeugen, uns hereinzulassen. Seine Überraschung wurde bestimmt noch grösser, als wir nach dem Badezimmer fragten und unsere Rucksäcke im Wohnzimmer auspackten. Samarth hat uns gesagt, es könne passieren, dass seine Eltern gerade Golf spielen seien, wenn wir ankommen. Wir haben die Eltern deshalb Abends zurückerwartet. Wir machten Ram verständlich, dass wir uns nun die Stadt anschauen wollten und gegen sechs zurück sein würden.

Nach einem langen und ermüdenden Tag in Neu Delhi kamen wir zurück zur Wohnung. Ram war da, die Eltern nicht. Nun kam uns die Sache allerdings komisch vor. Ich deutete auf die "8" auf meiner Armbanduhr und fragte "Mr. Prasad?" - Ram dagegen zeigte auf "Dienstag" auf dem Kalender auf der Kommode - um zu sagen "falscher Zeitmassstab.".

Samarths Eltern waren also für zwei Tage nicht in der Stadt - und haben offenbar auch vergessen, Ram von unserer Ankunft zu erzählen. Also beschlossen wir, uns ein Hotel zu suchen. Irgendwie hatten wir dann die Idee, jemanden zu suchen, der Englisch und Hindi spricht. Ihn wollten wir bitten, Ram anzurufen und ihm die Sache zu erklären. Wir betraten ein Maklerbüro für Taxen und fragten den Mann hinter dem Schreibtisch, ob er fünf Minuten Zeit hätte. Nachdem ich ihm unsere Sitation erklärt habe, versuchte ich noch, meine Authentizität zu beweisen. Dazu zeigte ich ihm meinen Reisepass, die Bleistift-Skizze mit der Adresse und dem Weg vom Bahnhof zur Wohnung, und einige Visitenkarten von Siemens. Der alte Mann sagte nur: "Nein nein, Sie sind doch Gentleman!". Dann griff er zum Hörer und nach zwei Minuten war unsere Unterkunft klar.

Holi Festival
Holi Festival

Holi Festival

"Holi" ist ein Fest, das hauptsächlich in Nordindien gefeiert wird. Ein starkes Indiz für Holi ist wenn alle Leute auf der Strasse über und über mit Farbe bedeckt sind: grün, gelb, rot. Dieser Brauch lässt für einen Tag alle Kastengrenzen fallen. Während Holi tanzen und feiern Leute zusammen, ganz gleich welcher sozialen Schicht sie angehören. Und sie leben ihren Maltrieb aus.

Wie erwartet sind westliche Touristen bevorzugte Ziele solcher Farbattacken. Einige Idioten suchen sich sogar ganz gezielt weibliche Touristen aus, um sie unter dem Vorwand Holi betouchen zu können. Ausserdem ist Holi recht gefährlich für Fotokameras. Vor allem Jugendliche finden Spass daran, mit Farbwasser gefüllte Ballons von Dachterrassen in die schmalen Strassen von Old Delhi zu werfen.

Ohrreiniger

Abends sind wir dann noch zum Springbrunnen in der Mitte des Connaught Place gegangen. Es hat nicht lange gedauert, da hat uns ein Mann in einem Bürohemd und mit Umhängetasche angesprochen. Als es heraus war, das wir aus Deutschland sind, zog er ein kleines Notizbuch aus seiner Tasche, mit handschriftlichen Einträgen darin - natürlich in Deutsch. Eine gewisse Melanie aus Heidelberg empfiehlt begeistert seine Dienste - er ist ein professioneller Ohrenreiniger.

Ob wir interessiert wären? Er schaut sich die Sache mal an, das ist natürlich umsonst. "Gut, einverstanden" - "Oh, wann haben Sie sich denn zum letzten Mal die Ohren geputzt?". Schlussendlich sassen wir im Grass, bekamen die Ohrläppchen langgezogen und hofften, dass die komischen Geräusche seiner Wattestäbchen nicht wirklich so schädlich waren wie sie sich angehört haben.

Es gab bestimmt tausende normale Kunden - aber in unserem aussergewöhnlichen Fall musste er "Medizin" verwenden. Das sollte uns die Sache schon wert sein. Zuerst dachten wir: dieser Scharlatan tröpfelt uns doch nur Wasser ins Ohr - aber dann hofften wir, dass dieses komische Zeug nur Wasser ist! Nach der Behandlung schrie er noch aus nächster Nähe "HELLO!" ins Ohr, damit gezeigt wäre wie gut wir wieder hören.