Bombay

Ankunft

Wenn man mit dem Zug in Bombay ankommt, kann man leicht einen entmutigenden ersten Eindruck dieser Metropole mit ihren 15 Millionen Einwohnern bekommen. Die Züge fahren mehr als eine halbe Stunde durch die Vororte Bombays - bei Tageslicht bedeutet das eine halbe Stunde Slums, Armut, Müll, übelriechende Abwasserkanäle, überfüllte Strassen, brechend volle Vorortzüge.

Es ist bestimmt günstiger, erst nach Einbruch der Dunkelheit in Bombay anzukommen, wie bei meinem ersten Besuch. Trotzallem darf man nicht die Augen verschliessen, um Facetten auszublenden, die zu einem grösseren Ganzen gehören. Die Grösse Bombay und die dort lebenden Menschenmassen sind beunruhigend und faszinierend zugleich.

Victoria Terminus
Victoria Terminus

Nach 24 Stunden Zugfahrt kam ich mit dem Udyan-Express aus Bangalore im Victoria Terminus an. Der Sackbahnhof, den jeder nur VT nennt, wurde von den britischen Kolonialherren Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Sein Aussehen erinnert mehr an eine Kathedrale als an einen Bahnhof: er ist in diesem gerade für Bombay so typischen britischen Kolonialstil gebaut, einer Mischung aus indischem, gotischem und viktorianischem Stil.

Obwohl es bei meiner Ankunft schon halb neun abends war, herrschte immer noch Trubel in der Bahnhofshalle: eilende Reisende, Familien mit vielen Kindern und noch mehr Gepäckstücken, Gepäckträger mit drei Koffern auf dem Kopf, zwischen ihrem Gepäck schlafende Gruppen von Reisenden, unverständliche Lautsprecherdurchsagen, ankommende und abfahrende Züge. Das ist auch sehr typisch für Bombay: Bombay ist die schnellste und hektischste Stadt Indiens. Nur für wenige Stunden (zwischen 1 Uhr und 4 Uhr morgens) kommt die Metropole zur Ruhe.

Stadtwachstum

Bombay liegt auf einer Halbinsel. Deshalb ist weiteres Stadtwachstum nur Richtung Norden auf dem Festland möglich. New Bombay wächst und wächst. Die Metropole lockt Menschen scharenweise an, vor allem aus ihrem Hinterland, den Bundesstaaten Maharashtra und Gujarat. Trotz der hohen Bevölkerungsdichte machen sich alle Neuankömmlinge die üblichen Hoffnungen auf Arbeit und besseres Leben.

Diese Stadt ist ein Paradebeispiel für Probleme, die durch Übervölkerung hervorgerufen werden. Es ist beispielsweise nicht unüblich, dass Pendler aus den Vororten mehr als drei Stunden in überfüllten Vorortzügen verbringen, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen - in eine Richtung, wohlgemerkt. Im heissen Sommer muss das noch unerträglicher sein, die nahegelegene See sorgt für hohe Luftfeuchtigkeit.

Old Bombay

Und wieder: es ist noch nicht das ganze Gesicht Bombays. Vor allem die Stadtteile Fort, Colaba und Malabar Hills bilden den Kern vom alten Bombay, auch Old Bombay genannt. Sie sind voller grosser Gebäude im hier allgegenwärtigen Kolonialstil, rote London-Doppeldecker-Busse fahren auf breiten Strassen. Besonders die Frauen machen hier einen sehr selbstbewussten und modernen Eindruck. Kollegen verrieten mir, dass die Mädchen in Bombay die Schönsten in ganz Indien seien (was schon mal nicht so einfach ist) - und ausserdem die gewitztesten. Was für eine gefährliche Kombination.

Old Bombay verströmt ein Mass an kosmopolitischem Flair, das wohl einzigartig ist in Indien - zumindest was ich bisher gesehen habe. Sicherlich haben geographische Lage und Geschichte ihren Teil dazu beigetragen. Seit portugiesische Seefahrer einen ersten kleinen Handelsstützpunkt in den Fischerdörfern errichteten, gehören Schiffe aus Europa, Arabien und China zum Leben dieser Stadt.

Gateway of India

Wirklich ironisch ist die kurze Geschichte des "Gateway of India". Dieses Monument erinnert von der Form her ein wenig an den Triumphbogen in Paris. Es wurde von den Briten gebaut, damit ihre Könige die wichtigste Kolonie ihres Empire symbolisch bereten konnten. Es wurde 1924 eingeweiht, während die Bevölkerung die Feierlichkeiten bereits boykottierte. Nachdem Indien in die Unabhängigkeit entlassen wurde, verliess 24 Jahre später die letzte britische Militäreinheit Indien ausgerechnet durch diesen Torbogen.

Dhaba Wallah
Dhaba Wallah

Dhaba Wallahs

Eine andere sehr interessante Sache spielt sich jeden Vormittag ab: in Vorortzügen und den Bahnhöfen verladen Männer mit weissen Nehrukappen Steigen mit kleinen runden Thermosbehältern. In diesen Behältern befindet sich Mittagessen, das die Ehefrauen für ihre in der Stadt arbeitenden Männer zuhause gekocht haben, und das nun ins Büro geliefert wird.

In Bombay gibt es Hunderttausende dieser Essensbehälter, wobei jeder mit farbigen Schnüren markiert ist. Es ist rätselhaft, wie doch jedes Eimerchen seinen Weg findet - und nachmittags auch wieder zurück. Wer vormittags in Vorortzügen zwischem Mumbai Central und Churchgate unterwegs ist, sollte nach Dhaba Wallahs, den Männern mit weissen Kappen, Ausschau halten. Sie sind die wirklichen Meister der Logistik.

Mumbai vs. Bombay

Ach ja, um political correct zu sein, sollte man Bombay Mumbai nennen. Das ist der ursprüngliche Name (Göttin Mumbadevi), bevor Portugiesen und Briten dachten, Städtenamen mundgerecht machen zu müssen. Nur sagt inzwischen jeder Inder Bombay, dafür verwenden nun die Europäer den ursprünglichen Namen. Namen sind eben doch nur Schall und Rauch.