Bangalore

Bookshop Premier
Bookshop Premier

MG Road Gegend

Bangalore ist wahrscheinlich die modernste Stadt Indiens. Kollegen sagten mir, dass Bangalore eigentlich nicht Indien sei - ich habe durch die Reisen einen ähnlichen Eindruck bekommen. Im sehr kommerziellen Zentrum um die Mahatma Gandhi Road (MG Road) gibt es viele teure Boutiquen, Geschäfte für Unterhaltungselektronik, Kneipen, Fastfood Restaurants usw. Viele Leute gehen am Wochenende in diese Gegend, es geht um sehen und gesehen werden. Es wird sogar Mode, mit teurer aufgerüsteten Autos und lauter Musik zu prahlen ("Cruising"). Viele Mädchen sehen aus als seien sie gerade MTV entsprungen, daneben blähen sich starke Jungs in engen T-Shirts auf um die Ergebnisse ihrer harten Arbeit im Fitness-Studio zur Geltung zu bringen.

Westlichen Reisenden sollte es nie langweilig werden. Es gibt immer jemand mit dem man sprechen kann - und wenn man nur dem Typ erklären will, dass man jetzt keine echte Rolex an der Strassenecke kaufen will. Oder Schachspiele, oder Gürtel, oder Staubwedel. Ich habe aufgehört mitzuzählen, wieviele echte Rolexuhren ich mittlerweise mein Eigen nennen dürfte, hätte ich jedesmal eine gekauft wenn ich die Brigade Road hinunter lief.

Den Buchladen in der Parallelstrasse zur St.Marks Road mochte ich wirklich. Es genügt dort zu wissen, dass man ein Buch möchte, man braucht sich nicht erst auf ein Gebiet oder gar einen Autor festzulegen. Einfach in den Buchladen "Bookshop Premier" gehen. Es ist der chaotischste Buchladen, den man sich vorstellen kann, buchstäblich bis unter die Decke voll mit Papier. Von dort habe ich "Midnight's Children" von Salman Rushdie und "The Stranger" von Albert Camus. Flexibel sein. Und vorsichtig beim Rausziehen von Büchern.

Schneider
Schneider

KR Market

Auf den ersten Blick vermisst man in Bangalore die typisch indische Atmosphäre. Aber abseits der Gegend um die MG Road ist Bangalore doch eine indische Stadt - mit allem was Rucksackreisende mögen. Vor allem der City Market (oder "Krishnarajendra (KR) Market") ist ein chaotischer und lebendiger Markt.

Dort werden Früchte und Gemüse angeboten, Blumen, Gewürze, Nüsse, Stoffe, Zahnbürsten, Schreibwaren, Bratpfannen, Heiligenbildchen im Goldrahmen, leuchtendes Farbpulver und vieles mehr. Ganz egal wann man dorthin geht - es ist immer was los. Einige Strassen weiter nördlich befindet sich die Gasse der Schneider. Die meisten Geschäfte haben farbige Seidenmuster vor die Türe gehängt.

Gartenstadt

Bangalore, die "Gartenstadt". Verglichen mit anderen indischen Städten (besonders von dieser Grösse, 6 Millionen Einwohner), gibt es in Bangalore wirklich viele Parks, Bäume und anderes Grünzeug. Meistens sind die Parks von Kricket spielenden Jungs belagert - oder, wie der Botanische Garten Lalbagh beispielsweise, von Pärchen. In der indischen Gesellschaft ist Liebenden nicht gestattet, öffentlich Zuneigung zu zeigen. In den letzten Jahren verlieren solche Regeln jedoch an Kraft. So kann es durchaus vorkommen, dass man händchenhaltende Pärchen im Gras sitzen sieht.

Es kann übrigens eine strategisch kluge Entscheidung sein, sich neben einem (oder besser zwischen zwei) Pärchen niederzulassen - in gebührendem Abstand versteht sich. Dann schnellt die Wahrscheinlichkeit, die nächsten fünf Seiten seines Buches lesen zu können ohne gefragt zu werden wo man herkomme, auf 10%. Nein, Spass beiseite, es ist auffällig, wie höflich, freundlich und interessiert Inder sind. Ich hatte so viele nette Gespräche, mit allen möglichen Leuten. Nur manchmal wird es eben ein bisschen anstrengend. Der touristische Höhepunkt des Botanischen Gartens, ist die wunderbare Schneewittchen-und-die-Sieben-Zwerge-Uhr.

Mädchen
Mädchen

Cyber City

Bangalore, die "Cyber City". Zusammen mit Hyderabad (Andra Pradesh) ist Bangalore IT Hauptstadt Indiens. Der bekannte Hightech Park "Keonics Electronics City" befindet sich ungefähr 20km südwestlich des Zentrums. Neben verschiedenen anderen Firmen unterhält dort auch Siemens eine grosse Niederlassung. Direkt nebenan befindet sich das Gelände von Infosys, einem sehr bekannten und schnell wachsenden indischen Softwareunternehmen. Andere Unternehmen wie z.B. IBM, Sun, Oracle oder Hewlett-Packard haben Büros in anderen Teilen der Stadt. Man kann grosse Plakate von Internetfirmen sehen, an denen Ochsenkarren vorbeirumpeln. Oder kleine Blechschilder an garagenähnlichen Bauten - mit der Werbebotschaft "World Class Java" oder "ORACLE Certified Training Centre".

Die Softwareindustrie kann eine grosse Möglichkeit für Indien sein. Um Software zu entwickeln benötigt man kaum teure Infrastruktur, wie es noch in der "Old Economy" der Fall ist. Ausserdem ist das indische Ausbildungssystem stark genug, für genügend qualifizierten Nachwuchs zu sorgen, die zumeist in der Softwarebranche einsteigen. Oft heisst ihr langfristiges Ziel, für gewisse Zeit ins Ausland zu gehen. Bevorzugte Ziele sind dazu natürlich die USA, aber auch Singapore und Grossbritannien. Die Greencard Debatte, die in Deutschland geführt wurde, hat kaum Bedeutung - nach Deutschland will sowieso niemand. Hauptsächlich aus zwei Gründen: zum einen die Sprachbarriere (das Englisch vieler Deutschen ist zu dünn, das Deutsch der Inder meist auch), zum anderen die besseren Verdienstmöglichkeiten in den USA. Ein Kollege hat es auf den Punkt gebracht: "Wenn ich 100.000 $ pro Jahr verdienen kann, warum soll ich dann 100.000 DM nehmen?"

Auf der anderen Seite sind Leute in der Softwarebranche bei weitem die Spitzenverdiener Indiens. Ein minimaler Lohn für einen Koch oder Diener beträgt 700 Rupies pro Monat, ein Maschinenbauingenieur bekommt als Anfänger 5000 Rs im Monat, ein Einsteiger als Softwareentwickler 15.000 Rs und mehr. Das treibt arm und reich noch weiter auseinander als es bislang schon der Fall war. Wie auch immer, dies wird nun zu einer Diskussion über Chancen und Risiken der Globalisierung.