Iguaçú

Grosses Wasser

In der Sprache der Guarani-Indianer bedeutet Iguaçú "Grosses Wasser". Dem ist schlicht nichts hinzuzufügen. Bogen um Bogen, Kilometer um Kilometer zieht sich der Urwaldfluss Paraná durch die dichte Vegetation. Ockerbraun von der fruchtbaren roten Erde, träge und breit dahinfliessend. Erinnerungen an den Eldorado-Film "Aguirre, der Zorn Gottes" mit dem wahnsinnigen Klaus Kinski kommen auf.

Alles scheint ruhig - wenn da nur nicht plötzlich diese verstreuten Felsen und vereinzelte Stromschnellen ins Blickfeld gerieten, und diese tiefhängende dünne Wolke die so gar nicht zum blauen Himmel passt. Genausowenig wie das permanente Donnergrollen.

Das Rätsel, das gar keines ist, ist schnell gelüftet: die gigantischen Wasserfälle von Iguaçú. Mit einer Höhendifferenz von bis zu 80 Metern und einer Gesamtlänge von über drei Kilometern gehören sie zu den grössten und spektakulärsten der Welt.

Garganta del Diablo (Teufelsschlund)
Garganta del Diablo (Teufelsschlund)

Die Hochebene, die den Fluss Paraná trägt, ist urplötzlich senkrecht weggesackt. So entstanden zwei riesen Wannen, in die sich der Fluss aus allen Richtungen hineinstürzt. Dieses geologische Phänomen erstaunt um so mehr angesichts der Tatsache, dass der Fels sehr hart zu sein scheint. Selbst nach jahrtausendjähriger Bearbeitung durch 150 Millionen Tonnen herabstürtzendes Wasser pro Tag behaupten die Felsbrocken unter den Fällen ihre scharfen Kanten.

Brasilianische Seite der Fälle

Man kann die Fälle von der brasilianischen Seite sowie von Argentinien aus bewundern. Auf der brasilinanischen Seite gibt es zwar keine grosse Auswahl an Pfaden und Rundwegen, sie zeichnet sich jedoch durch grossartige Aussicht aus. Vom Weg aus, der an der Höhe entlang führt, öffnen sich wundervolle Blicke auf die riesenhaften Vorhänge aus Wasser auf der anderen Seite.

Vorhänge aus Wasser
Vorhänge aus Wasser

Nasenbären

Wer noch nie Nasenbären gesehen hat, wird hier sicherlich fündig. Diese rotzfrechen Kerlchen mit ihren langen Nasen, schwarzen Panzerknacker-Augenmasken und Ringelschwänzen treiben sich vor allem am Anfang des Pfades herum.

Trotz zahlreiche Hinweise, ihnen nichts Essbares anzubieten, finden regelmässig Fressorgien mit Schokokeksen und anderen touristischen Wegzehrungen statt. Und wenn die Touries ihr Futter nicht freiwillig rausrücken, hängen ruck-zuck drei Quatchis am Plastikbeutel, den die erschreckte Touristin prompt mitsamt den Pelztierchen fallen lässt.

Boca-Juniors-Fan
Boca-Juniors-Fan

Fussballverrückter Busfahrer

Um auf die argentinische Seite der Fälle zu gelangen, muss man zuerst die Grenze zu Argentinien überqueren. Dabei kann es praktisch sein, einen argentinischen Busfahrer zu haben. Da er die Tour täglich herunterspult, kennen ihn die Grenzer bereits, ebenso wie sämtliche Anwohner der gut 20km langen Strecke : Polizisten, Restaurantbesitzer, Supermarktmitarbeiter, Automechaniker.

Und ausserdem ist er Boca-Juniors-Fan. Die gelb-blauen Reliquien des erfolgreichsten und populärsten Fussballclubs Argentiniens verzieren reichlichst das Armaturenbrett sowie Haupt und Rücken des Busfahrers. Seine Zuneigung für den Klub drückt er mit lautstarkem Salutieren aus dem Fahrerfenster heraus aus, welches er mit der Bushupe unterstreicht. Da kann man ihm eigentlich gar nicht übel nehmen, dass ihm ab und zu ein kleiner Huper herausrutscht, gefolgt von einem "Chica!" (Mädel) - angesichts von hübschen jungen Argentinierinnen in engen Jeans auf dem Gehsteig.

Argentinische Seite der Fälle

Auf der argentinischen Seite der Wasserfälle kann man leicht einen ganzen Tag verbringen, ohne dass es auch nur annähernd langweilig wird. Die spektakulärste Aussicht bietet sich zweifelsohne von der Plattform unmittelbar oberhalb des Teufelsschlundes (Garganta del Diablo) aus. Man steht gewissermassen auf Augenhöhe mit dem Fluss Paraná und sieht zu, wie dieser stundenlang ins Leere kippt. Das viele Wasser verschwindet einfach in einer dichten Wolke aus Sprühregen.

Weiter flussabwärts werden Fahrten in einem Speedboat abgeboten. Diesen Spass darf man sich keinesfalls entgehen lassen. Die Kamera sollte man dabei jedoch in einer Plastiktüte lassen, man wird pitschnass - bis auf die letzte Faser der Unterwäsche. Bei den sogenannten "Taufen" fahren die Boote so dicht an die Wasserfälle heran, dass die sprühenden Wassertropfen wie Nadelstiche wirken und es kaum erlauben, die Augen offenzuhalten. Am meisten Spass macht dies natürlich, wenn man in der ersten Sitzreihe sitzt.

Vogelpark

Wenn man Zeit dazu hat, sollte man auch den schönen Vogelpark (Parque des Aves) auf der brasilianischen Seite besuchen. Die Hauptdarsteller dort sind zweifellos die Araras. In einem hausgrossen Käfig leben zahlreiche dieser farbenprächtigen grossen Papageien: blau, gelb, rot, grün - kaum eine Farbe die nicht in ihrem Federkleid zu finden ist.

Tukan
Tukan

Zahlreich vertreten sind auch die Tukane. Sie hopsen auf den Geländern herum und glotzen die Besucher von der Seite her mit ihren schwarzen Knopfaugen an. Am Ausgang wartet sogar ein grosser zahmer Tukan, der sich gerne zum Ablichten auf des Besuchers Unterarm setzt.

Ansonsten tapst allerhand bunt Gefiedertes herum: vor sich hin brabbelnde Papagaien, kleine knallgelbe Piepmätze, Löffelschnäbler die ihrem Namen wahrlich Ehre machen, leuchtend rote Wasservögel aus dem Pantanal, rosarote staksige Flamingos, oder auch schwirrende Kolibris.

Itaipú

Itaipú bedeutet in der bereits erwähnten Guarani-Sprache "Wasser am singenden Stein". Hinter diesem Namen verbirgt sich das grösste Wasserkraftwerk der Erde. Das Gemeinschaftsprojekt zwischen Brasilien und Paraguay verschlang astronomische Mengen von Baumaterial: mit dem verbauten Beton hätte man 220 Maracanã-Stadien bauen können, und der verwendete Stahl hätte für 380 Eiffeltürme ausgereicht.

So wird der wasserreiche Fluss mit Hilfe einer 196m hohen Staumauer angestaut, um anschliessend über 18 Turbinen gestürzt zu werden. Dabei entsteht Strom, der 95% des Energiebedarfs von Paraguay deckt und 25% von dem Brasiliens. Die Gesamtleistung von Itaipú entspricht der Leistung von 10 Atomkraftwerken.